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Ferdinand Diskussion gestartet von Ferdinand 1 Monat
Eine wahre Handlung aus meiner niederschlesischen Heimat, die ich noch immer sehr  gerne und besonders in der Weihnachtszeit erzähle! Vielleicht findet ihr auch Gefallen daran?

Niemand hatte in den langen Regentagen im September daran gedacht, dass urplötzlich über den Bergwald schon der Winter hereinfallen könnte. Und doch verwandelte sich über Nacht der ewige Regen in Schnee. Alle empfanden diese Wandlung wie eine Erlösung aus grauen Tagen, das Land erschien plötzlich im weißen, reinen Kleid.


  Nicht anders erging es dem Halbbauern und Holzer Johann Gottstein, der am Morgen dieses schönen ersten Schneetages daheim alles stehen und liegen ließ und wie ein Kind in den Wald rannte, obwohl er doch schon hoch über die sechzig war. Er musste aber wissen, wohin sich das Wild verzog, wie es sich beim ersten Schneebruch verhielt und wo es jetzt wechseln würde. Nur einmal hatte ihn der Förster wegen „Wilderns“ ins Hirschberger Stockhaus gebracht. Seit dem nahm er nie wieder einen Schießprügel mit in den Wald und er legte keine Schlingen mehr, aber er musste dem Wild nahe sein, als wenn es ihm gehörte. Wenn er so einen Tag verpasste, konnte er wieder tagelang nach dem neuen Wildwechsel suchen. Denn morgen oder übermorgen würde die Sonne auch die dicksten Schneewächten wieder aufgesogen haben. Es war ja erst September! Gestern Abend noch war der „Prinzenhirsch“ überm Totenhäusel herausgetreten. Er nannte den Vierzehnender mit Behagen nun einmal den „Prinzenhirschen“, denn das hatte sich schnell im Dorf herumgesprochen, dass der große, starke Hirsch einem preußischen Prinzen zugetrieben werden sollte. Der Prinz war wohl auch gekommen und auf Jagd gegangen. Der Blümel-Förster wusste, dass nur der alte Gottstein ihn ausgepirscht hatte und allein den Wechsel kannte. Aber er liebte den Hirsch genauso wie der Gottstein. Die anderen nahmen es für selbstverständlich hin, dass bei allen guten Dingen der Blümel-Förster den Gottstein ausschlagen musste. Drei Nächte schlug sich Preußens Prinz um die Ohren und im Anstand auf dem Martinsberge, in der Jagdhütte im Turmwasserloch, auf dem Schlosshügelberg und bekam seinen Vierzehnender nicht einmal vor den Lauf.

Der Oberförster wetterte, Blümel bekam seine vorschriftsmäßigen Vorwürfe und steckte alles ein. Der Prinzenhirsch war gerettet. Das war getan. – Von diesen Nächten an trieb es den Blümel-Förster  mit dem gleichen Eifer dem Prinzenhirschen nach, wie den alten Gottstein. Wer zuerst die Fährte fand, konnte gewiss sein, daneben auch schon die Spur eines Menschen zu finden. Dann kehrte der andere um. Begegnen wollte keiner dem anderen. Heute bekam Gottstein die Spur erst hinter der Waldwiese, die auf einen breiten Holzweg führte. Auf dieser verwehten einsamen Waldstraße fand Gottstein die Fährte des „Prinzen“. Da aber packte ihn die Wut. Hinter den frischen Eindrücken im nassen, dicken Schnee waren die Spuren eines schweren Stiefelschrittes sichtbar. Der Blümel-Förster war hinter dem Hirschen her!

Also: wieder umkehren – aufgeben! Das war Gottsteins erster Gedanke. Er blieb stehen. An den zurückgeworfenen kleinen Schneeklumpen sah er deutlich genug, dass der Förster in großer Eile gewesen sein musste.

Da hallte ein Schuss durch den Wald…. ! Gottstein erschrak. Er begann zu zittern. Sollte der Blümel-Förster alles riskiert haben, selbst seine auskömmliche Stelle beim Grafen? Denn wenn er in seinem blinden Eifer den „Prinzen“ wegholte, dann war er am längsten Förster gewesen. Er horchte. – Er bildete sich ein, ein fernes dumpfes Heulen zu hören. Vielleicht klagte ein Hirsch? Am Ende hatte Blümel ihn nur angeschossen. Allzu weit war es nicht hergekommen. Der Prinzenhirsch war sicher oberhalb der Abzweigung zur Peterbaude, dicht am Löchelweg, in der Schlagstelle vom letzten Juli getreten und dort hatte ihn Blümel erwischt. – In einer guten halben Stunde würde er es wissen. Nach wenigen Schritten aber riss es Gottstein wieder zurück. Drei Schüsse hallten hart hintereinander über die weißgraue unermessliche Bergwelt.

Gottstein war nicht mehr zu halten. Wieder kamen die Schüsse von der „Nässe“ her. Wenn der Schnee sich nur nicht so Klumpen ballte und sich an die Stiefel hing! Aber was fragte der Alte jetzt danach. Er musste aus dem Wald kommen! Wenn er sonst dafür eine halbe Stunde brauchte, heute schaffte er es schon in einer guten Viertelstunde. Wie ein Tier sprang er durch den Schnee. Wo die Straße zu einem weiten Bogen ausholte, zwängte er sich durch das Gebüsch, von Baum zu Baum, stolperte über Steine, schlug sich wund, stürzte, riss sich die Knie auf, blieb mit den Händen in Brombeersträuchern hängen und kam endlich doch durch. – Jetzt da er bald am „Löchelweg“ heran war, hörte er deutlich einen Menschen klagen.

Dem alten Gottstein brannte der Schweiß auf den Lippen. Die Knie begannen zu zittern. Ihn peinigte nur die einzige Sorge, dass er zu spät kommen würde. Jetzt übersprang er den Weg. Er hätte es leichter haben können, wenn er den immer schwächer werdenden Rufen nachgegangen wäre. Aber nun sah er den großen Schlag über sich. Auf den Baumstümpfen lag der weiße Schnee, als hätten sie alle Pudelmützen bekommen. Die Wurzelstöcke von den Bäumen, die der Sturm aus der Erde gerissen hatte, waren zu riesigen Schneerädern geworden. Der Schnee war zu weich.  Überall trat Gottstein durch. Er sprang aber weiter, bis er am Ende des Schlages im Bannwald der Petersbaude wie vom Schlag getroffen anhielt, nach einem Halt suchte und sich gerade noch mit der Rechten an einem Baumstumpf halten konnte. Der Blümel-Förster lag vor ihm! Vom Prinzenhirsch war weit und breit nichts zu sehen. Kein Schweiß verriet ihn. Nur der Mensch lag vor ihm, derselbe Mensch, der Jahr und Tag hinter ihm her war, der ihn lieber heute als morgen wieder nach Hirschberg ins Gefängnis gebracht hätte. Diesen Mann musste er hier nun finden. Er lag nicht gut. Er musste dort an dem Stein abgerutscht sein und war in das große Loch der Fichte gestürzt, die durch den Windbruch ihr Leben gelassen hatte. Mit dem Kopf nach unten, platt auf dem Rücken, lag Blümel und atmete schwer.

Jetzt musste Blümel ihn erkennen. – Das Wimmern erstarb, das Gesicht wurde auf einmal aschfahl, als wenn das Blut plötzlich aus allen Adern wich. Die Augen weiteten sich wie bei einem Sterbenden. Mit Entsetzen starrte der Förster den alten Gottstein an. Einen einzigen Augenblick dachte er daran, den alten Gottstein niederzustrecken. Soviel Kraft musste er doch noch besitzen, um die Flinte zu heben. Schon griff er neben sich. Gottstein schien diesen Griff nicht bemerkt zu haben. Es kam nun alles darauf an, dass einer schneller war als der andere. Denn Blümel wusste, im nächsten Augenblick musste der Kampf beginnen, der nur mit dem Tod von einem enden konnte. Wenn er auch noch so hilflos in dem Schneeloch lag – wenn er schon ans Ende gehen sollte, wollte er doch wie ein anständiger Kerl vor die Hunde gehen! Ja wenn er die beiden Hunde mitgenommen hätte, wäre alles gut gewesen. Dann hätte er längst Hilfe bekommen.

Kaum aber, dass er den Hahn der Flinte um krallte, ließ er sie auch wieder los. Es viel ihm ein, dass er die letzte Patrone verschossen hatte. Es war lächerlich, sich mit einem Schießprügel zu wehren, der nicht einmal geladen war. Zur Not war das Messer noch zu gebrauchen. Vorderhand aber machte der verfluchte Kerl keine Anstalten, den Kampf zu beginnen.

Gottstein sah unverwandt zum Blümel-Förster hin. Er sah nun wie der Mann nach der Schusswaffe griff, wie die Hand den Gewehrhahn um krallte. Er wusste, was ihm bevorstand. Blümel fürchtete sich also vor ihm! Er hielt ihn für einen Lumpen, der in der Stunde der Not, die Gelegenheit nützt, sich zu rächen. Gottstein erschrak. Mochte Blümel die Flinte jetzt ruhig heben und schießen. Lieber nicht mehr leben, als von einem Menschen mit tiefster Verachtung angesehen zu werden! – Darum stand er unbeweglich an seinem Baumstumpf und schaute den Förster ruhig an. Erst als dieser die Hand von der Waffe ließ, fand Gottstein ein Wort.

 „Wenn Ihr mich nee meegt, braucht Ihrsch bluß zu soagen. Verleichte kummt noch eens Euch zu helfa.“

Blümel sah, wie es in dem Alten kämpfte. Er musste ihm im Stillen abbitten. Ein so verkommener Hund war er also doch nicht. Dass es ihm nicht leicht fallen würde, ihm jetzt aus dem Loch zu helfen, das war zu verstehen. Blümel wollte deshalb auch nicht klein vor dem Alten werden. So gut es eben ging brachte er die Worte zusammen. Der Schmerz bohrte in den zerschlagenen Gliedern, die Worte fanden nicht mehr die alte Kraft.

„Ich kann nicht auf!“

Doas sah ich!“

„Es muss im rechten Oberschenkelsein.“

Nu joa, nu joa!“

„Wenn Ihr es wenigstens einem Menschen sagen könntet, wo ich liege. Mehr verlange ich nicht.“

„Mehr nich?“

„Ihr könnt´s aber auch seinlassen. Ich kann es Euch ja nicht zumuten.“

„Herr Förschter!“

„Was denn, Gottstein?“

„ Nu, wenn Ihr gläbt, doass Ihr Euch durch mich nich schmutzig macht, doo  mecht´ ich schun helfen.“

„Hier wird nicht viel zu helfen sein.“

„Ihr wisst´s ju, ich bin Gottstein. – Wenn´s Euch peinlich is, do gieh ich. Suste kannt ich ju amol noachsahn.“

„Ihr sollt nicht so dummes Zeug reden, Gottstein. – Wenn ich bloß aus dem Loch heraus bin, da geht es schon.“

„Nu, wenn Ihr Euch vor mir nich färcht´, do versuchen wirs amol.“

Langsam kam Gottstein heran. Er hielt aber den Blick unverwandt in Blümels Blick gesenkt. Gewiss – der „Grüne“ war jetzt in seine Hand gegeben. Aber der Mensch sollte noch geboren werden, der ihm übers Grab nachsagen könnte, er habe sich an einem schwachen Tier oder Menschen vergangen. Er konnte keinen schweißenden Fuchs abfangen, geschweige denn einen Menschen, und wenn es für ihn der ärgste Feind war!

Nun stand er selber im Licht. Er bückte sich, griff nach den Schultern des Försters und vergaß in diesem Augenblick, dass er den Feind vor sich hatte. Ein armseliger Mensch brauchte ihn. Eher war aber ein Holzklotz aufzurichten als so ein schwerer Mann, der wie an die Erde genagelt lag. Wenn er in dieser elenden Lage noch eine Stunde geblieben wäre, musste er hinüber sein. Er bat nun, Blümel möge seine Arme um seinen Hals legen. Aber dem Förster versagten die Arme jetzt den Dienst. Mit übermenschlicher Kraft hob Gottstein den Körper an. Dabei musste er das Bein verrücken. Der Förster stöhnte, verbiss aber den Schmerz. Mit aller Kraft stemmte sich nun

Gottstein gegen das Loch, hob den Körper und bettete den Förster in den tiefen Schnee eines kleinen Fichtenwildlings, der einst hier unter den riesigen Stämmen langsam gewachsen war. Dann besah sich Gottstein das Bein. Er schnitt vorsichtig die Hose auf und sah genug – der Oberschenkel war hin! Die Sache sah recht böse aus. Viel war nicht zu hoffen. Wenn einer mit dieser Wunde lange in der Nässe liegenbleiben musste, hatte er wohl einen Freibrief für den Himmel bekommen. Gottstein aber versuchte, seine Pflicht zu tun. Er schnitt sich schnell ein paar Holzschienen zurecht, riss sich sein feuchtes Hemd vom Leib, und ehe es sich Blümel versah, war das Bein notdürftig geschient. Die Schmerzen schienen auch nicht mehr gar so wild zu sein.

  0Die kalte Luft aber griff dem Gottstein unter den Rock. Das Hemd fehlte ihm jetzt. Er überlegte, was er nun noch tun könnte. Da sah er, wie der Förster seltsam die Augen verdrehte, als sollte es zu Ende gehen. In seiner Angst warf er sich über den Körper des Försters und hauchte ihn an. Da durchfuhr ihn ein Gedanke. Wenn der Förster nun hinübergehen müsste, ob er immer noch schlecht von ihm dachte? – So leise er es vermochte, den Kopf ganz dicht an den von Blümel gebeugt, fragte er:

„Hiert Ihr mich noch?“ Blümel nickte. Seine Augen standen wieder ruhig. „Gleebt Ihr mir, Förschter, doass ich keen schlechter Kerl bin?“ Wieder nickte der Förster. Da purzelten dem alten Gottstein die Tränen über das Gesicht. Wie er die Tränen fortwischte, sah er, dass der Förster vergangen war. In seinem Taumel glaubte er, Blümel sei ihm unter den Händen gestorben. Eine unendliche Angst zitterte durch seinen Körper. War Blümel jetzt tot, dann galt er womöglich als Mörder des Försters, dann hatte er ihn über den Stein geworfen und erschlagen.

Er beugte seinen Kopf über die Brust des Mannes, riss seinen Rock auf, legte sein Ohr an die bloße Brust und atmete auf. Der Förster lebte noch. Ließ er ihn in dem nassen Schnee liegen, dann war er tot, ehe er Hilfe bringen konnte. Schrie er mit aller Kraft in den Wald hinaus, dann würde ihn keiner hören. Da half letztendlich nur noch die eigene Kraft. Er musste versuchen, den bewusstlosen Förster zu Menschen zu bringen. Soviel er sich erinnern konnte, würden die Hainer am Ausgang des Reitweges Holz abfahren. Aus Knüppelstangen wurde in aller Eile ein Schleifschlitten. Gottstein ging nie in den Wald, ohne einen Strick in der Tasche mitzunehmen. Eine halbe Stunde würde die Schleifbahre schon halten.

Er bettete den Mann auf den seltsamen Schlitten, schlang  seinen eigenen Leibgurt um die Brust, deckte Reisig über den Körper, warf sich die enge Schlinge des Strickes um den Nacken und zog an. Nach den ersten fünf Schritten hielt er, sah sich um und war zufrieden. Der Förster lag fest und ruhig auf der Bahre,  dass kaum ein Zweig vom Reisig herunter viel. Nun segnete er den Schnee und den Himmel. Die Sonne schien unendlich hoch über dem Nebel zu stehen. Die Luft über dem Wald war drum fast milchig und dick geworden, aber der Schnee blieb. Nur von den Bäumen begann das eintönige Tropfen.

Er bekam eine gelinde Abfahrt auf dem breiten Holzweg. Er kannte sich hier aus und wusste jeden Stein und jeden Anschlag im Wege. Noch einmal überprüfte er den Schlitten und entschloss sich nun zur Abfahrt. Er stemmte sich vor die Last und zog dann mit dem todwunden Förster durch den Wald. Er begann wieder zu traben. Zuweilen erschien es ihm, als wollten die eigenen Beine klumpig werden. Sobald er aber ins Traben kam, ging es weiter. Wie unermesslich weit dünkte ihm der Weg, den er vordem so schnell genommen hatte. Er hasste plötzlich den Wald, dass er jetzt kein Ende nehmen wollte.

Vor dem Doktorhaus brach Gottstein zusammen. Es ging nicht mehr. Die Beine waren ihm wie abgeschlagen. Er ballte einen Schneeball zusammen und warf ihn mit letzter Kraft an ein Fenster. Alles andere ging in einem roten, feurigen Kreis unter. Gottstein verlor die Besinnung. Aber es war geschafft, er hatte seinen Todfeind gerettet.

Als Gottstein zu sich kam, dachte er im Himmel zu sein, ein blonder Engel schwebte wohl um ihn. Doch als er klarer wurde konnte er erkennen, dass er in einem warmen Bett lag und der blonde Engel entpuppte sich als die Tochter des Arztes, die ihm gerade eine heiße Hühnerbrühe auf den Nachttisch stellte. Als er sich verstohlen und schüchtern in dem sauberen Zimmer ein wenig umsah, konnte er feststellen, dass ein weiteres Bett im Zimmer stand, aus dem ihm sein „Todfeind“ dankbar zulächelte. Just in dem Moment betrat der Doktor das Zimmer mit einem Tablett in der Hand worauf eine gute Medizin und drei Gläser standen: 

„Echt Stonsdorfer!“ Der wunderbare Kräutermagenbitter, der beiden wohl schon bald auf die Beine helfen würde. Dem alten Gottstein aber auch dem Förster liefen vor Freude und Glück ein paar Tränchen über die hohlen Wangen. 

@03.10.17, Nacherzählung von Ferdinand
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