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Ferdinand Diskussion gestartet von Ferdinand 1 Monat
Es waren, nach meiner erinnernden Einschätzung wohl vier bis sechs Tage vor Heiligen Abend 1953 in einer ärmlichen Zeit in Niederschlesien. Das Land stand damals unter der so benannten polnischen Verwaltung und die Armut war, nicht nur bei uns einer slowenisch-deutschen Familie, sondern auch unter den polnischen Familien, also im ganzen Lande recht groß. Fleisch und Wurst waren nur schwerlich und zu Höchstpreisen zu bekommen.

Das wir nicht vertrieben wurden hatten wir wohl meinem Vater, Jahrgang 1910, durch die Wirren des I. Weltkriegs, also einem als Österreicher geborenen Slowenen zu verdanken, der gegen den deutschen Nationalsozialismus kämpfte und im Lager in Stonsdorf als Kriegsgefangener war, wo meine Mutter, Jahrgang 1915, eine „Echt Stonsdorferin“ als küchenleitende Lagerköchin arbeitete. Dort haben sie sich 1940 kennen und zunächst heimlich lieben gelernt, was im Deutschen Reich nicht nur verpönt, sondern strafbar war. 1943 wurde mein ältester Bruder geboren, danach kam ich Anfang 1947, also als zweiter von vier Buben der Familie zur Welt.

Unsere Eltern, mussten beide reichlich arbeiten, um die Familie zu ernähren. Mein Vater war Schuhmacher und hatte sich eine ansehnliche Werkstatt im Elternhaus meiner Mutter eingerichtet, wo er wunderbares neues Schuhwerk für die Polen und zwischendurch für uns herstellte. Das Leder für die neuen Schuhe, wurde oft genug von alten Schuhen und Stiefeln verwertet. Meistens wurden die Schuhe gegen lebenswichtige Naturalien eingetauscht, da selbst die Polen kaum Geld hatten.  So waren wir zwar arm, hatten aber immer satt zu essen.

Nachts arbeitete mein Vater als Nachtwächter in einem riesigen Holz- und Kohlenlager in Bad Warmbrunn. Meistens nahm er noch Schusterarbeit mit und verarbeitete auch da Teile, die keinen großen Aufwand an Werkzeug benötigten, also beispielsweise verkleben oder vernähen von Schuhoberteilen. Begleitet wurde er immer von unserer sehr aufmerksamen Hündin „Laika“ einer sehr aufmerksamen „Promenadenmischung“ die zwar ziemlich klein war aber doch ganz schön giftig gegenüber Fremden, mit überaus kräftigem Biss, was so mancher versuchte Dieb zu spüren bekam. Laikas Eigenschaften hatte sie sich vermutlich dank stibitzter Hühnereier, die waren ihre Leidenschaft, erworben.

Mutter, nicht nur eine begabte Köchen sondern auch eine sehr geschickte Schneiderin, was sie aber nie mangels einer Lehre anerkannt bekam, schneiderte neue Kostüme oder änderte Bekleidung neben der familiären Belastung. Auch diese Stücke wurden aus brauchbaren alten Kleidungsstücken angefertigt. Wir hatten ein verhältnismäßig großes Grundstück auf dem meine Eltern zahlreiche Kleintiere hielten und die unseren Nahrungsbedarf zu decken halfen, dazu einen großen  Gemüse- und Obstgarten. Ein Bachlauf mit klarem Gebirgswasser durchfloss unser Grundstück und sorgte für die nötige Wasserversorgung des Gartens und der Kleintiere. In Hanglage auf dem Grundstück war ein vom Urgroßvater gemauertes kleines Brunnenhäuschen im Hang eingelassen, dessen Quelle nicht nur uns mit Trinkwasser versorgte. So erinnere ich mich daran, dass oft Städter aus Hirschberg und Bad Warmbrunn kamen und aus unserem Brunnen Wasser in Flaschen abfüllten, denn diesem Wasser wurde heilende Wirkung nachgesagt. Fließendes Wasser gab es im ganzen Haus nicht und so wurde es in Eimern aus dem Brunnen geschöpft.

Außerdem hatte mein Urgroßvater einen riesigen Vorratskeller in den Hang hineingemauert. In diesem wurden die Wintervorräte, wie Kartoffeln und Gemüse eingelagert und meines Vaters selbstgemachte Obstweine gegoren und gelagert.

Unser Kleinvieh bestand aus zwei Milchziegen, Hühnern und Enten und meisten ca. 120 Stallhasen, die der Grundstock für das Bratenfleisch und selbstgefertigte Wurst waren. Teile des Fleisches verarbeitete mein Vater wie gesagt zu köstlich schmeckender Wurst, die auch bei anderen Kindern unseres Ortes sehr beliebt war. So wurden oftmals die Schulbrote getauscht und wir kamen dadurch auch an Wurstsorten, die wir von zuhause nicht kannten. Über die Lebensqualität von damals ließe sich noch sehr viel erzählen. So wurden wir beiden älteren Buben als Schuljungen des Öfteren von manch anderen Kindern als Nazi-Schweine  angepöbelt. Allerdings mit den meisten Nachbarskindern hatten wir ein überaus herzliches Verhältnis, zumal wir ja auch schnell drauf hatten, perfekt polnisch zu sprechen.

Aber kommen wir nun wieder in das Jahr 1953, kurz vor Weihnachten! Besonders wir Kinder, zwischenzeitlich drei, waren genauso eifrig in den Weihnachtsvorbereitungen, wie die Eltern.

Eines Abends, kurz vor der Heiligen Nacht, brach mein Vater, damals 43 Jahre alt,  mit sehr starken Leibschmerzen zusammen, krampfte und bekam von einer Stunde zur anderen sehr hohes Fieber. Vater stöhnte vor Schmerzen, Mutter war sehr besorgt und weinte und wir Jungen waren völlig verstört. Mutter schickte Julia, eine polnische Lehrerin die in einer Wohnung unseres Elternhauses wohnte zu einem Bauern, Kochansky, der Pferde und Pferdeschlitten besaß, denn es lag hoher Schnee, damit er meinen Vater schnellstmöglich ins Krankenhaus nach Bad Warmbrunn transportiert. Mutter war sehr heilkundig und wurde von den Polen bei vielen Erkrankungen und zu Hausgeburten quasi als Hebammen-Ersatz geholt, denn die medizinische Versorgung war nach dem Zusammenbruch sehr schlecht. Sie hatte die Situation gleich richtig erkannt und gewusst, dass bei unserem Vater höchste Eile geboten war, um ihn zu retten.

Bis zum frühen Morgen wurde gewartet, gebetet und geweint, bis Kochansky endlich vom Krankenhaus zurückkam und die fast erlösende Nachricht überbrachte, das Vater bereits Notoperiert war und wohl große Hoffnung war, dass er durchkommen würde. Mein Vater hatte einen offenen Magendurchbruch, der zu damaligen Zeiten noch oft tödlich verlief.

Weihnachtsstimmung wollte im Hause nicht mehr so recht aufkommen. Mutter hat sehr viel geweint in Sorge, was denn nun werden sollte, wenn der Haupternährer länger ausfällt, denn eine Krankenversicherung wie zu heutigen Zeiten, gab es damals in Polen noch nicht. Was wir als Kinder aber alles nicht so recht verstanden. Wir Jungen spürten nur, wie angespannt die Stimmung im Haus war und trauten uns kaum zu hüsteln.

Julia, die polnische Lehrerin, verbrachte viel Zeit bei Mutter, um sie zu trösten und passte auf uns Jungen auf, wenn Mutter mit Kochansky und seinem Pferdeschlitten ins Krankenhaus fuhren, um unseren Vater zu besuchen. An Plätzchenbacken und andere Weihnachtsvorbereitungen wurde im Hause wohl nicht mehr gedacht, keine Weihnachtsgeschichten wurden vorgelesen oder erzählt, wie in den vergangenen Jahren und machte uns Jungen zusätzlich traurig.

Am Vorabend des Heiligen Abends kam Kochansky mit einer riesigen Tanne und stellte sie im Christbaumständer im Wohnzimmer auf und Mutter schmückte ihn am Vormittag des Heiligen Abend. In der großen Wohnküche duftete es nach Sauerkraut, den gedünsteten Zwiebeln für den Kartoffelbrei (Stampfkartoffeln) und den im heißen Sauerkraut garenden Wellwürsten, Essensvorbereitungen zu denen sich Mutter durchgerungen hatte und  dass es immer am Spätnachmittag gegen 17:00 Uhr des Heiligen Abend bei uns gab.

Plötzlich, wir waren gerade mit dem Essen fertig, rumorte es deutlich hörbar vor unserem Haus, doch es war schon dunkel und nichts zu erkennen. Hart wurde gegen die Haustier gepocht, sodass wir Kinder heftig erschraken. Mutter öffnete und herein schwärmte eine Flut polnischer Familien, von Julia, der Lehrerin organisiert, die zahlreiche leckere Gaben an Plätzchen, Obst, Nüssen, Mutters geliebten Bohnenkaffe und einige wenige Spielsachen für uns Kinder überreichten. Wie war da die Überraschung und Freude, nicht nur bei uns Kindern groß sondern auch bei Mutter, die nun Freudentränen weinte. Die Polen machten es sich bei uns gemütlich hatten sie doch auch reichlich Proviant und Getränke für eine fröhliche Feier mitgebracht. Mutter setzte sich später an Ihr Klavier und begann „Stille nach, Heilige Nacht“ zu klimpern und vielstimmig sangen die Polen:

„Cicha noc, święta noc, ……..“ (deutsch: Stille Nacht, heilige Nacht,…)

Später pochte es erneut an der Haustür und auf das verlangende Klopfen und öffnen der Haustür erschien Vaters Arbeitgeber, im leicht schneebedeckten, knöchellangen Kaninchenfellmantel und übergab unserer Mutter ein dickes Bündel Zloty-Scheine, die sie zur Überbrückung verwenden sollte, bis Vater wieder ganz genesen wäre.

Gegen Mitternacht stapften Mutter und wir Kinder mit den Polen gemeinsam zur polnischen Christmesse. Obwohl Mutter nur wenig verstand, weil sie nie polnisch lernen wollte, machte sie einen fast glücklichen Eindruck, wären da nicht die Spuren der Sorgen vergangener Tage.

Am nächsten Tag kam gegen Mittag Kochansky mit dem Pferdeschlitten angefahren zum gemeinsamen Mittagessen. Und auch Julia, die Lehrerin war eingeladen. Nach dem Essen fuhren wir dann zusammen auf Kochanskys Pferdeschlitten, dick eingemummt in Pferdedecken, nach Bad Warmbrunn, Vater im Krankenhaus besuchen. Die Pferde waren am Geschirr mit vielen Glöckchen dekoriert, die ständig vor sich hin bimmelten. Vater lag ausgezerrt durch die sehr schwere Erkrankung aber mit leuchtenden Augen über die vielen Besucher, im Bett und hörte sich geduldig aber mit merklich feuchter werdenden Augen unsere sprudelnden Erzählungen vom Heiligen Abend an.

Soviel Nächstenliebe hat selbst seine Vorstellungen bei weitem übertroffen! So hat sich Weihnachten 1953 doch noch zum Guten gewendet. Es waren wohl die schönsten Weihnachten, an die ich mich erinnern kann.

Uns Jungen wurde aber erst im reiferen Alter begreiflich, welch Brücken Nächstenliebe schlagen kann.

Ob da nicht mal unser sagenumwobener Rübezahl, der Berggeist des Riesengebirges seine Hände im Spiel hatte? Schließlich wird ihm nachgesagt, das er vielen Menschlein aus großer Not gerettet hat.

Bild:  Alte Postkarte aus meiner schlesishen Heimat

Anmerkung:

Als wir im Mai 1956 auswanderten, standen viele Polen winkend und weinend am Straßenrand und viele riefen uns zu:

„Żegnaj, nie zapomnij nas!”

„Auf Wiedersehen, vergesst uns nicht!“ - Nein ihr Lieben, ich werde Euch bestimmt nicht vergessen!

@20.11.2015, Ferdinand

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Ferdinand
Ferdinand Danke Heli, ja es gibt viele Geschichten aus unserer sehr armen aber doch glücklichen Kindheit! Freue mich immer wieder von Dir zu lesen, denn Du bist einfach eine treue Seele! Wünsche auch Dir einen wunderschönen 4. Advent! Ich habe dieses Jahr schon meinen Christbaum stehen, die Geschenke alle besorgt und liebevoll verpackt darunter liegen und alle Dienstleister mit einem kleinen "Wichtel" bedacht! Durch meine anhaltende Unbeweglichkeit nach der OP,... Mehr anzeigen 1 Monat
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